Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

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Toleranz üben üben

veröffentlicht 01.11.2024

von Redaktion Impulspost

Toleranz ist manchmal ein Reizthema. Aber sie hilft uns, um mit den Mitmenschen auszukommen: in der Familie, im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz. Dank der Toleranz können wir andere nicht nur ertragen, sondern sie vielleicht sogar interessant finden. Deshalb lebt jeder Toleranz – täglich. Oft ohne es zu merken. Und jeder zieht seine Grenze dafür. Das und mehr wahrzunehmen, dazu wollte die Impulspost im Herbst 2013 Lust machen.

Toleranz – bei vielen löst dieses Wort Unbehagen aus. Oft taucht es im Zusammenhang mit religiösen oder kulturellen Konflikten auf. Und daran scheiden sich die Geister. Die einen fordern klare Grenzen für die Toleranz, die anderen fordern mehr Toleranz. Schade eigentlich: Denn Toleranz ist viel mehr als ein Reizthema. Sie ist etwas sehr Schönes.

Die deutsche Sprache bringt es wunderbar treffend auf den Punkt. Sie hat dem Wort „Toleranz“ das Tätigkeitswort „üben“ an die Seite gestellt. Und das stimmt. Mit der Toleranz wird man nie fertig, sondern ist stets am ÜBEN. Das gilt übrigens auch für die Grenzen der Toleranz.

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Das Motto „Toleranz-Üben üben“ griff zudem das Jahresthema 2013 der Evangelischen Kirche in Deutschland auf: „Reformation und Toleranz“.

Das Thema aber wird, auch wenn das Jahr der Toleranz längst vorbei sein wird, aktuell bleiben, solange Menschen mit Menschen auskommen wollen. 

In unserer vielfältigen Gesellschaft treffen immer häufiger Menschen aus unterschiedlichstem religiösen und kulturellen Kontext unvermittelt aufeinander. Daher geht es beim Thema Toleranz darum, wie wir in Kirche und Gesellschaft diese Vielfalt bewältigen. Gleichzeitig geht es auch um eine Verhältnisbestimmung: In welchem Verhältnis stehen wir zu anderen, die uns vertraut und fremd zugleich sind, und wie verhalten wir uns dazu? Welche Aussagen zur Toleranz finden sich in den biblischen Schriften? Mit diesen Fragestellungen beschäftigen wir uns als Christinnen und Christen, aber auch als Nachbarn, als Kolleginnen und Kollegen sowie Individuen.

Glaube und Toleranz

Toleranz ist auch für evangelische Christinnen und Christen kein einfaches Thema. Manche sagen sogar: Sie ist der Schatten der Reformation ...

In die Wiege ist Toleranz niemandem gelegt. Sie ist deshalb auch kein einfaches Thema für evangelische Christinnen und Christen. Manche sagen sogar: Sie ist der Schatten der Reformation. Tatsächlich geht es in Glaubensfragen bis heute in der Welt eher blutig als friedlich zu. So war es manchmal auch in der Geschichte der evangelischen Kirche.

Meist zählen Nehmerqualitäten

Toleranz ist eine Geste der Größe. Wer wie der Protestantismus als kleine Minderheit startet und sich dann durchsetzen muss, hat es schwer. Beim Überleben zählen Nehmerqualitäten und keine großen Gesten. Kampfesgeist ist mehr wert als Friedfertigkeit. Abschottung geht vor Öffnung. Die Quittung für diese zynische Logik erhalten die Menschen. Am Ende verliert der Glauben seine Glaubwürdigkeit.

Toleranz ist die Kehrseite der Freiheit

Die Geschichte der Toleranz in der evangelischen Kirche ist vor allem eine Lerngeschichte. Bitter und nicht selten blutig waren die Erfahrungen in den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts. Sie wühlten Europa auf, rüttelten die Menschen wach und brachten verschüttetes Glaubensgut zum Vorschein. Zum Beispiel Jesu alte Einsicht, dass viele Menschen am Tisch Gottes Platz haben, egal wer sie sind und was sie machen. Entdeckt wurde die Toleranz auch als Kehrseite der Freiheit, auf die die Reformation einst so großen Wert gelegt hatte. Ja: Toleranz kann sich nur in Freiheit entfalten – und umgekehrt.

Toleranz im Alltag

Immer wieder werden wir in unserem Leben mit Begebenheiten konfrontiert, die uns fremd sind, mit Dingen, die wir anders machen würden, mit Menschen, die nicht unsere Vorstellungen teilen und ihr Leben nach anderen Maßstäben gestalten. Für ein gutes Zusammenleben müssen wir auf andere zugehen und Toleranz üben. Die Wünsche und Lebensweise anderer respektieren, akzeptieren, dass sie anders denken, fühlen und handeln, ihre Lebensweise anerkennen, auch wenn sie der eigenen nicht entspricht. Das ist nicht immer leicht, aber es lohnt sich!

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Geschichten aus dem Alltag

Ob durch neue Nachbarn aus anderen Kulturkreisen oder durch unterschiedliche Sauberkeitsvorstellungen in einer Studenten WG: Immer wieder werden wir in unserem Alltag mit Begebenheiten konfrontiert, die uns fremd sind. Manchmal anstrengend, manchmal sehr bereichernd.

Reza Sicha, Migrationsbeauftragter der Polizei in Gießen,

„Nur Interesse und Offenheit helfen“

„Toleranz kann man nicht fordern, sondern nur fördern.“ Reza Sicha weiß, wovon er spricht. Er ist Migrationsbeauftragter im Polizeipräsidium Mittelhessen in Gießen. Seine Aufgabe: Bindeglied zu sein zwischen der Polizei und nichtdeutschen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. „Toleranz entsteht“, so Sicha, „wenn eine Seite jeweils mehr von der anderen versteht. Wenn sie sich für das interessiert, was die andere praktiziert und etwas entdeckt, was sie vorher nicht kannte.“

Der 40 Jahre alte Polizist trifft bei seiner Arbeit auf Männer und Frauen aus allen Milieus und unterschiedlichsten Kulturen. Sicha kennt die verschiedenen Sichtweisen und unterschiedlichen Geschichten und versteht die daraus resultierenden Probleme: Darf ein Polizist bei einer richterlich erlaubten Hausdurchsuchung einen Koran anfassen? Eindrucksvoll, lebhaft und konkret beschreibt der Kriminaloberkommissar solch eine Situation und erläutert aus eigener Erfahrung: „Ich sage dann zu dem Verdächtigen: ‚Ganz ruhig. Bitte öffnen Sie den Koran selbst und blättern Sie ihn ganz langsam durch.‘“ Die polizeiliche Arbeit der Gefahrenabwehr und Strafverfolgung muss getan werden. Bei Straftaten gibt es keine Toleranz. Aber der Respekt vor dem anderen Menschen und vor seiner Religion erfordere auch in einem Moment hoher Anspannung Respekt und Würde.

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Grenzen der Toleranz

Für das menschliche Miteinander und die Gesellschaft ist die Toleranz unabdingbar. Dennoch muss und kann mit dem Gebot der Toleranz nicht alles geduldet werden. Gemeint ist damit, dass eine freiheitliche Gesellschaft das nicht zulassen kann, was diese Freiheit und die grundlegenden Werte dieser Gesellschaft in Frage stellt oder gar beseitigen möchte. Was dies im Einzelfall bedeutet, ist dann aber auch immer wieder durchaus strittig.

Selbstbewusst an den eigenen Überzeugungen festhalten, ohne sie zugleich als allgemeingültig durchsetzen zu wollen. Dass diese Balance zu halten eine hohe Anforderung, auch in ökumenischen Partnerschaften bedeutet, zeigt Oberkirchenrat Pfarrer Detlev Knoche anhand von Beispielen aus seiner Arbeit:

Die Welt ist zu einem Dorf geworden. Im Alltag begegnen wir Menschen, die von anderen Kulturen geprägt sind und die andere Lebensformen oder andere religiöse Überzeugungen leben. So sind die Fremden zu Nachbarn geworden, und es bedarf eines hohen Grades an Toleranz, um die Differenzen auszuhalten und den anderen in seiner Fremdheit anzunehmen.

Kann diese Toleranz Grenzen haben?

Ich denke, es lässt sich leicht Einigkeit darüber erzielen: Sie endet dort, wo Menschenrechte verletzt werden und die Freiheit des anderen eingeschränkt wird. Ein prominentes Beispiel aus dem ökumenischen Zusammenhang ist der seinerzeitige Ausschluss der Niederländisch-reformierten Kirche Südafrikas aus dem Reformierten Weltbund. Apartheid verstößt gegen den Willen Gottes und seine in Jesus Christus offenbarte Liebe zu den Menschen. Eine Kirche, die Apartheid praktiziert, kann kein Mitglied im Weltbund der Reformierten sein. Toleranz hat sicherlich auch da ihre Grenzen, wo eine Gruppe einer ganzen Gesellschaft ihr Wertesystem auferlegen will.

Im Alltag sind oft die Grenzen der Toleranz nicht so eindeutig zu ziehen

Selbstbewusst an den eigenen Überzeugungen festzuhalten, ohne sie zugleich als allgemeingültig durchsetzen zu wollen – diese Balance zu halten bedeutet eine hohe Anforderung, auch in ökumenischen Partnerschaften. Ich erinnere mich an den Besuch einer Delegation der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in unserer südindischen Partnerkirche vor einigen Jahren. Zu dieser Gruppe gehörte auch eine Pfarrerin und Dekanin. Ihre Anwesenheit führte zu erheblichen Irritationen, denn in dieser Partnerdiözese ist es bis heute für Frauen nicht möglich, zur Pfarrerin ordiniert zu werden. Aber nach langen Gesprächen und vertrauensbildenden Maßnahmen sind dort mittlerweile Pfarrerinnen aus unserer Kirche bei Besuchen als Predigerinnen im Gottesdienst willkommen. Die Grenzen der Toleranz müssen eben immer wieder im Dialog und in der direkten Begegnung neu ausgehandelt werden. Die Freiheit dazu schenkt uns Jesus Christus, der die Gottes- und die Nächstenliebe zum höchsten Gebot erhoben hat.

Frieden braucht Toleranz

Von Wolfgang Buff, Beauftragter für Friedensbildung im Zentrum Ökumene der EKHN

Aggressionsausbrüche, Gewalthandlungen, ja sogar kriegerische Auseinandersetzungen werden oft in Verbindung gebracht mit mangelnder Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Andersglaubenden oder Anderslebenden. Doch dieser Ansatz ist immer zu einfach, zu eindimensional und zu bequem.

Eine neuere Interpretation dreht den Spieß um und gefällt sich in der Analyse, unsere allzu großzügige Toleranz bereite erst den Boden für Aggressionsausbrüche, Gewalthandlungen und Kriege. Wir müssten unsere Werte offensiver verteidigen, klare Kante zeigen, lauten die Vorschläge. Doch auch diese Erklärung ist oberflächlich und letztlich irreführend.

Es kann zwar ein Zuwenig an Toleranz geben, aber kein Zuviel

Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit. Toleranz funktioniert nur, wenn sie an Werte gebunden ist. Darüber hinaus spielt der jeweilige soziale Kontext eine entscheidende Rolle.

Sich selbst diese Werte und Rahmenbedingungen klarzumachen, von denen aus eigene Einstellungen und Verhaltensweisen gesteuert werden, setzt die Erkenntnis voraus, dass es sich dabei nicht um absolute Maßstäbe handeln kann, und die Einsicht, dass Andersdenkende, Andersgläubige und Anderslebende aus ihrem jeweiligen sozialen Kontext und ihrem eigenen Werterahmen heraus sich entsprechend richtig verhalten.

Erst die Reflexion der eigenen Position und der Versuch, die andere Seite zu verstehen, ermöglichen ein tolerantes Miteinander. Unter dem Fähnchen der Toleranz alles zu erdulden und zu ertragen, das steht ebenso wenig zur Diskussion wie das eigene Modell des Lebens – womöglich unter Berufung auf das Toleranzgebot – zum Maßstab für alle Menschen zu erklären.

Ich persönlich gerate häufig an die Grenzen meiner Toleranz

Ein neuralgischer Punkt ist stets die Anwendung von Gewalt – nicht nur die der sichtbaren physischen Gewalt, sondern auch die der psychischen, ökonomischen und kulturellen.

Allerdings erfolgen Angriffe auf die physische, ökomische und kulturelle Unversehrtheit oft leise und unspektakulär und werden in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten höchst unterschiedlich bewertet.

Aber auch hier gilt: Ohne die Reflexion der eigenen Maßstäbe und ohne das Hineinfühlen in die Maßstäbe des Fremden, des Anderen, ja auch des Gegners, gibt es keine Gerechtigkeit.

Deshalb endet meine Toleranz gleichermaßen bei dem, der Bomben legt oder Waffen einsetzt, aber auch bei dem, der Bomben baut oder Waffen herstellt und sie verkauft. Sie endet bei dem, der durch sein Handeln Menschen verletzt und quält, aber auch bei dem, der Menschen verhungern lässt oder nicht alles daran setzt, sie angemessen medizinisch zu versorgen.

Spätestens an dieser Stelle lässt sich erahnen, dass jeder von uns, ob hier in Hessen oder anderswo, Verhaltensweisen toleriert, bei denen sich Toleranz eigentlich verbietet. Ob ich als Christ zu viel oder zu wenig Toleranz übe, kann jeder von uns selbst beantworten, indem er sich fragt: Was tue ich im Alltag für den Frieden und die Gerechtigkeit? Was ist mein Beitrag, um die Schöpfung zu bewahren?

 

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